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Tag der Befreiung?

8. Mai – Tag der Befreiung? Seit Richard von Weizäckers berühmter Bundestagsrede galt dieser Tag in Westdeutschland nicht mehr als Kapitulation, sondern als Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus. Erfurt wurde bereits am 12. April 1945 von den US-Truppen erobert. Doch wurde die Erfurter Bevölkerung wirklich befreit?

Die heutige Landeshauptstadt Thüringens war ein nationalsozialistisches Wirtschafts- und Verkehrszentrum und erlebte in dieser Zeit eine enorme Militarisierung. Wie das gesamte Reich war Erfurt  involviert in die Reichspogromnacht, die Zerschlagung der Arbeiterbewegung, den Aufbau von Konzentrationslagern und den Holocaust. Es ist zweifelhaft, ob die Erfurter Bevölkerung überhaupt befreit werden wollte.

Der Historiker Steffen Raßloff fasste in seinem Buch „Der Mustergau – Thüringen zur Zeit des Nationalsozialismus“ einige Erkenntnisse zum nationalsozialistischen Erfurt zusammen. Im Zentrum des „Thüringer Mustergaus“ stand nicht Erfurt, sondern Weimar. Gauleiter Fritz Sauckel war ein fanatischer Anhänger Hitlers und war gewillt Thüringen in einen Vorzeige NS-Gau zu verwandeln. In Weimar, der „Stadt des deutschen Geistes“, ließ er protzige Großbauten errichten, wie das „Gauforum“. Heute heißt es „Weimar-Atrium“. Dort, wo einst der raue Wind der deutschen Volksgemeinschaft wehte, gehen die Weimarer Bürger heute shoppen oder ins Kino. Adolf Hitler war ein großer Liebhaber der Goethe-Stadt und besuchte Weimar regelmäßig.

Aus Sicht Walter Kießlings drohte Erfurt im Schatten der „Gauhauptstadt Weimar“ unter zu gehen. Der Oberbürgermeister Kießling wollte dies nicht zu lassen. In einem grotesken Wettkampf mit Weimar, versuchte der NS-Politiker, Erfurt schneller „judenrein“ zu machen als die Konkurrenz. Ein Vorgang, der nach einem schlechten Nazifilm klingt, war traurige Realität dieser Stadt.

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Walter Kießling Oberbürgermeister Erfurts 1936 -1945

 

Oberbürgermeister Kießling regierte Erfurt von 1936 bis 1945. Nach dem Krieg schlüpfte er durch die Entnazifizierung und verbrachte einen ruhigen Lebensabend in Göttingen. Während seiner Amtszeit war er mitverantwortlich für die Reichspogromnacht, in der die, am heutigen Juri-Gagarin Ring gelegene, Synagoge zerstört wurde. Er verwandelte Erfurt in eine große Kaserne und bemühte sich um die Stationierung von Truppen. Kießlings oberstes Ziel war es, Erfurt gegenüber Weimar ebenfalls als nationalsozialistische Musterstadt zu etablieren. Aus diesem Grund sorgte er persönlich für die Deportation von jüdischen Erfurtern in die Konzentrationslager.

Bereits 1933, vor der Amtszeit Walter Kießlings, besuchte Adolf Hitler Erfurt zum „größten SA-Aufmarsch seit der Machtergreifung“. Die TAZ vermeldete mit Stolz „300.000 huldigen Hitler in Erfurt“. Der Oberbürgermeister bemühte sich ab 1936 diesen „Erfolg“ zu wiederholen, scheiterte jedoch an Gauleiter Sauckels Vorliebe für Weimar. Mit den außenpolitischen Erfolgen und den erfolgreichen ersten Kriegsjahren besaßen die Nationalsozialisten auch in der Erfurter Bürgerschaft großen Rückhalt.

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Adolf Hitler mit Gauleiter Fritz Sauckel auf dem Domplatz

 

Den einzig nennenswerten Widerstand gegen den NS-Terror leistete die organisierte Arbeiterbewegung. In Erfurt lag ihr Zentrum im „roten Erfurt-Nord“. KPD und SPD vereinten in diesem Stadtteil fast alle Stimmen auf sich. Die Zerschlagung der organisierten Erfurter Arbeiterschaft begann mit einer Verlockung. Die NSDAP führte als erste deutsche Partei den „Tag der nationalen Arbeit“ ein und setzte damit eine alte Forderung der Sozialdemokraten um. Zum neuen Staatsfeiertag am 1. Mai 1933 marschierten einhunderttausend Menschen im heutigen Steigerwald Stadion auf. Sie lauschten einer Radioübertragung von Hitlers Rede. Die Gewerkschaften durften ebenfalls mitlaufen und einige Funktionäre waren geneigt, den Nationalsozialismus als arbeiterfreundliches System zu akzeptieren. Einen Tag später wurden sie mit dem wahren Gesicht des Nationalsozialismus schmerzlich konfrontiert. Am 2. Mai stürmten Polizei und SA-Schergen in ideologischer Eintracht die Gewerkschaftshäuser der Stadt. Funktionäre und Arbeiter wurden in das Gefängnis auf den Petersberg verschleppt. Misshandlungen, Folter und Mord bildeten einen Vorgeschmack für die ersten wilden Konzentrationslager in der Feldstraße und dem Petersberg.

Erfurt war sogar direkt am Völkermord an den europäischen Juden beteiligt. Techniker der Firma Topf & Söhne bauten die Entlüftungsanlagen für die Gaskammern des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Die Firma  produzierte außerdem Krematorien, die sie eigens für die gleichzeitige Verbrennung vieler Leichen konzipierte und in den Lagern aufbaute. „Stets gern für Sie beschäftigt…“ schrieben Erfurter Ingenieure an die SS-Bürokratie.

Wurde die Erfurter Bevölkerung vom Nationalsozialismus befreit? Wohl eher nicht. Jede nationalsozialistische Schandtat trugen die Bewohner jubelnd oder schweigend mit. Brennende Synagogen, Überfälle auf Gewerkschaften und Deportationen von Juden lösten bei der Bürgerschaft keine Proteste aus. Selbst als Gauleiter Fritz Sauckel in den letzten Kriegswochen einen fanatischen Widerstand von den Thüringern forderte, entbrannte kein Aufstand in der Bevölkerung.

Historiker Steffen Rassloff urteilt: „Die Schlussphase des Krieges war wie überall in Deutschland eher von einem >>trotzigen Durchhaltewillen<< gekennzeichnet.“ Als General Patton mit seiner 3. US-Armee die Westgrenze Thüringens überschritt, wollte Oberbürgermeister Kießling die Stadt kampflos übergeben. Nicht aus plötzlicher Ablehnung der Nazi-Ideologie, sondern um seinen eigenen Kopf zu retten. Der Erfurter Kommandant Otto Merkel entmachtete Kießling und die Amerikaner mussten Erfurt kämpfend erobern.

Weder die offensichtliche Niederlage noch der Kriegsverdruss veranlasste die Erfurter Bevölkerung zum Protest. Bis zum Schluss hielten sie am Regime fest oder nahmen es schweigend hin. Die Stadt wurde nicht von US-Truppen aus der „Geiselhaft des Nationalsozialismus“ befreit. Erfurt war Teil der Volksgemeinschaft und wurde glücklicherweise besiegt.

 

Weiterführendes:

Buch: „Der Mustergau“ von Steffen Raßloff

erfurt-web.de

Bildquellen:

Abbildung 1: Stadtarchiv Erfurt nach Steffen Raßloff

Abildung 2: http://www.erfurt-web.de/Datei:SauckelHitler33.jpg

Abbildung 3: http://www.erfurt-web.de/Datei:Kie%C3%9Fling1.jpg

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