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Tag des schwarzen Goldes Record Store Day

Am 16. April ist Record Store Day und überall im Land erscheinen exklusive Plattenpressungen, nach denen sich Sammler ihre Finger lecken. Doch der Tag hat auch seine Schattenseiten, denn die raren Sonderpressungen werden zunehmend zum Spekulationsobjekt. Unsere Gastautorin Juliane Kehr schreibt über die Romantik des Plattenladens und die (verlorenen) Ideale des Record Store Days.

Seit Wochen laufen die Vinylpressen im ganzen Land auf Hochtouren. Für Plattenliebhaber und Sammler steht mit dem Record Store Day (RSD) der wichtigste Feiertag des Jahres bevor. Knapp 200 teils exklusive Veröffentlichungen kommen an diesem Tag in die Läden und mit ihnen kommen zahlreiche Kunde. Trotzdem beteiligen sich in Thüringen gerade einmal vier Plattenläden an diesem Ereignis. Warum so wenige?

Vielleicht lässt sich das darauf zurückführen, dass der Tag des schwarzen Goldes bei vielen Vinyl-Fans schon seit geraumer Zeit in der Kritik steht. Sie beklagen lange Schlangen vor den Läden und sind oftmals enttäuscht, wenn sie schließlich feststellen, dass das überteuerte Objekt der Begierde nicht rechtzeitig gepresst werden konnte oder alle Exemplare schon vergriffen sind. Derzeit gibt es einen massiven Engpass in der Plattenproduktion. Als Mitte der 90er Jahre die CD auf dem Vormarsch war und schließlich die MP3 die Musikindustrie revolutionierte, stellten viele Presswerke den Betrieb ein. Damals glaubte keiner mehr daran, dass Vinyl noch eine Zukunft hätte. Seit einigen Jahren boomt die Schallplatte wieder und viele Musikliebhaber schwören auf den besseren Klang des Vinyls.

Die wenigen verbliebenen Presswerke kommen jedoch kaum noch mit der Produktion hinterher. Dieser Produktionsengpass macht manche Schallplatten zum Spekulationsobjekt. Gerissene Händler bringen besonders begehrte Vinyls gar nicht erst in den Laden. Statt sie im regulären Verkauf anzubieten, wandern die Scheiben zum vier- bis fünffachen Preis ins Netz. Das ist ärgerlich und untergräbt den Sinn des Record Store Day, der mehr junge Musikliebhaber für den Kulturraum Plattenladen begeistern möchte. Denn Musik ist in vielerlei Hinsicht ein Erlebnis. Für Sammler ist es zum Beispiel auch eine haptische Erfahrung, ein auffälliges Albumcover aus den unzähligen Papphüllen der Plattenregale hervorzuziehen und auf diese Weise neue Musik zu entdecken. Ein Gefühl, das Amazon Käufer wohl nur schwer nachvollziehen können. Sie klicken sich von Link zu Link, weil ihnen ein Algorithmus sagt: „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch….“ Der Plattenladen ist hingegen nicht nur ein Ort, an dem Sammler ihre Liebhaberstücke kaufen, er ist auch eine Begegnungsstätte für Menschen die eine Leidenschaft teilen. Sich am Releasetag eine Platte zu kaufen, sie noch vor Ort aufzulegen, ihr zu lauschen und anschließend mit dem Plattendealer des Vertrauens hitzig darüber zu diskutieren, ist nun mal etwas anderes, als sich allein vor dem Computer sitzend nichtssagende zwanzig Sekunden Snippets der neuen Songs anzuhören.

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Der Nordbahnhof – Die Heimat des Woodstock Recordstore und des Clubs Frau Korte

Doch gerade aus diesem Gefühl heraus verweigern sich immer mehr Plattenladenbesitzer inzwischen dem Record Store Day. Sie boykottieren den falschen Hype und die Internetgeschäfte mit zurückgehaltenen Exklusiv-Pressungen. Auch Joschi Korte vom Woodstock Recordstore in Erfurt sieht den RSD mit gemischten Gefühlen. Viele Kunden würden an diesem Tag ihr Vinylbudget für mehrere Monate auf einmal ausgeben und sich anschließend länger nicht mehr im Laden blicken lassen, sagt er. Trotzdem beteiligt sich Joshi jedes Jahr aufs Neue, um den Erfurter Vinylnerds überhaupt die Möglichkeit zu geben, an die begehrten Sammlerstücke zu kommen. Joshi ist damit beinah allein in Thüringen.

Denn trotz aller Kritik am Record Store Day liegt der Hauptgrund für die geringe Beteiligung in Thüringen nicht am Unwillen der Plattenladenbesitzer, sondern am Mangel an Plattenläden. Und das wiederum macht den Record Store Day im Freistaat umso wichtiger: Er macht auf diese kleinen, magischen Orte aufmerksam, deren Charme oft darin besteht, dass sie etwas aus der Zeit gefallen wirken. Der Tag zeigt, dass es sie noch gibt, die Plattenläden und zwar nicht nur in Berlin, Hamburg und anderen Städten, die auf hip enden, sondern auch hier im beschaulichen Erfurt.

 

Text und Foto: Juliane Kehr, Foto 2: Mit freundlicher Genehmigung von Lisa Hilpert
12.04.2016

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