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Topfs Garten – Die Villa der Ofenbauer

Eine ruhige Wohngegend mitten im Erfurter Stadtteil Daberstedt. Hübsche kleine
Einfamilienhäuser, Stille, es regnet. Das anliegende Parkgrundstück wirkt geradezu idyllisch, lässt man die rostigen und vielerorts eher nottdürftig mit Stacheldraht nachgebesserten Eisenzäune außer Acht. Die Öffentlichkeit hat hier keinen Zutritt. Doch das war einmal anders.

Während der Erinnerungsort „Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz“ eine feste Position innerhalb der städtischen und nationalen Erinnerungs- und Denkmallandschaft eingenommen hat, erfährt das Grundstück am Hirnzigenberg eine andere Form von historischer Betrachtung. Es liegt brach. Nur etwa zehn Gehminuten vom Firmensitz am Sorbenweg entfernt, lies der Firmengründer Ludwig Topf 1897 ein privates Erhohlungsdomizil errichten. Das ursprünglich etwa vier Hektar umfassende Grundstück wurde als Naturpark angelegt, ein familieneigenen Sommerhaus mit Nebengebäuden wurde erbaut. In den eigens eingerichteten Kleingartenparzellen konnten auch seine Mitarbeiter und Angestellten die Seele baumeln lassen.

Nach dem Tod des Vaters übernahmen die beiden Söhne Ludwig und Ernst Wolfgang Firma und Familiengrundstück. Das Sommerhaus am Hirnzigenberg wurde in den 1930er Jahren zum Wohnsitz mit Villencharakter umgebaut und diente unter anderem der geschäftlichen Repräsentation. Der junge Ludwig Topf wohnte hier bis zu seinem Suizid in der Nacht zum 31. Mai 1945. In seinem Testament vermachte er seinen Anteil an der Firma und dem Privatgründstück samt Wohngebäuden der Stadt. Zwar versuchten Ludwigs Geschwister Ernst Wolfgang und Johanna Topf gegen die Testamentsvollstreckung vozugehen, doch ihre Bemühungen blieben erfolglos. Nach der gerichtlichen Einigung vom 19. Juli 1948 ging die Hälfte des Parkgrundstückes mitsamt den Wohngebäuden zunächst an die Familie Topf über, jedoch erfolgte bereits im Januar 1949 die Enteignung.

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Die Familie Topf vor der Villa (Stadtarchiv Erfurt)

Die Stadt Erfurt erhielt jenes unbebaute Sechstel des Grundstückes, auf dem sich seit 1978 die heutige Kolpingschule bzw. Regelschule 3 befindet. Der Rest des Anwesens wurde dem mehrmals umbenannten Nachfolgebetrieb „Topfwerke Erfurt VEB“ zugesprochen. Das Firmenlogo, welches einst die Privatvilla schmückte, war schnell verschwunden. Das Gebäude wurde saniert und als betriebseigenes Klubhaus und öffentliche Gaststätte genutzt. Das ehemalige „Hühnerhaus“, eines der beiden Nebengebäude, diente zunächst der Unterbringung von Betriebslehrlingen und später als Kindergarten. Und obwohl sich das gesamte Areal nicht mehr im Besitz der Familie Topf befand, blieb lange Zeit zumindest die Bezeichnung des Geländes als „Topf’s Garten“ erhalten.

Kurz nach der Wende wurde das gesamte Grundstück aus dem Besitz der Firma herausgelöst und im Jahre 2000 an die Erfurter Wohnungsbau-genossenschaft Einheit e.V. verkauft, unter deren Verwaltung es bis heute steht. Seither ist das Gelände für die Öffentlichkeit gesperrt. Von den ehemals drei Objekten sind heute nur noch zwei Gebäude erhalten: Das ehemalige Wohnhaus Ludwig Topfs und das „Hühnerhaus“, versteckt hinter üppiger, wild wachsender Vegetation und fernab öffentlicher Blicke.

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Heute liegt der geschichtsträchtige Ort hinter Bäumen und wuchernden Sträuchern versteckt.

Doch warum tut sich nichts? Es ist viele Jahre her, dass sich der Förderkreis Erinnerungsort Topf & Söhne e.V. damit beschäftigt hat, welche Objekte mit der Firmengeschichte in Verbindung stehen. Das Gelände am Hirnzigenberg steht heute klar ausserhalb des erinnerungspolitischen Fokus, was zu einem Großteil dem Umstand geschuldet sein dürfte, dass dieser Ort den Erfurtern vor allem als ehemaliger Treff- und Vergnügungspunkt in Erinnerung geblieben ist. Die um 1900 angelegte Kleingartenanlage besteht weiterhin und nimmt heute etwa ein Drittel der Gesamtfläche ein. Sie obliegt der Verwaltung durch den Verein Hirnzigenberg e.V. Der Park mitsamt der verbliebenen Gebäude ist bauamtlich als Grünfläche ausgewiesen, was eine Neubebauung momentan nicht zulässt.

Christian Büttner, Vostand der Wohnungsbaugenossenschaft Einheit e.V., zufolge, gibt es derzeit weder konkrete Pläne noch Baupartner, die auf eine bevorstehende Nutzung des Grundstückes schließen lassen. Der Kauf sei aufgrund langfristiger Planungen erfolgt, um in Zeiten der Wohnungsknappheit sozial verträglichen und bezahlbaren Wohnraum anbieten zu können. In diesem Fall soll es eine wegebegleitende Bebauung entlang der angrenzenden Straßen geben. Der Park an sich solle als Kern erhalten bleiben, erklärte Büttner gegenüber Local Times. Und so wird es wohl am Hirnzigenberg noch eine ganze Weile so ruhig bleiben.

Quellen:
Lehmann, Heidrun: Stadtverband der Kleingärtner besteht seit 20 Jahren, Thüringische
Landeszeitung vom 18.05.2010.
Schüle, Annegret: Industrie und Holocaust. Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz, Göttingen 2010.

 

Anna Anger, Fotos: AK

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