Foto_Zahra2

Von der Patenschaft zur Freundschaft

Jessica Maaßen entschied vor einiger Zeit, sich gesellschaftlich mit einzubringen. Die Theorie aus dem Studium wollte sie anwenden lernen. Die aktuellen Debatten motivierten sie, eine Patenschaft für ein Flüchtlingskind zu übernehmen. Local Times berichtet von ihren Erfahrungen.

Jessica ist Master-Studentin an der Uni Erfurt und wirkt seit anderthalb Jahren bei dem ehrenamtlichen Projekt „Erfurter Studenten engagieren sich für Integration“ mit. Diese und weitere Maßnahmen werden von dem „Büro für ausländische MitbürgerInnen“ initiiert, welches unter Schirmherrschaft der Evangelischen Kirche steht. Seit 24 Jahren ist das „Büro für ausländische MitbürgerInnen“ eine der Hauptanlaufstellen in Thüringen, um zwischen freiwilligen Helfern und Hilfebedürftigen zu vermitteln. Die Studenteninitiative widmet sich insbesondere der alltäglichen Begleitung von Familien mit Migrationshintergrund, deren Kinder auf die örtlichen Schulen gehen und Hilfestellung bei den Hausaufgaben benötigen. Allerdings sei das nicht alles:

„Deutsche Kinder können nach der Schule nach Hause gehen und sich ihrer Freizeit widmen. Kinder mit Migrationshintergrund haben außerhalb der Unterrichtszeiten familiäre Verpflichtungen. Da türmen sich Behörden- und Arzttermine der Eltern, bei denen sie dann übersetzen müssen. Das bedeutet zusätzlicher Stress für die Kinder. Hierbei können wir einspringen und entlasten“

Die 28-Jährige übernahm 2013 die Patenschaft für Zahra, die vor fünf Jahren zusammen mit ihren Eltern, ihren Geschwistern und ihrer Tante aus Afghanistan nach Deutschland kam. Jessicas Ehrenamt als Patin beschränkte sich damals zunächst auf Nachhilfe in Deutsch und Englisch, doch mittlerweile haben die beiden ein freundschaftliches Verhältnis zueinander. Zahra ist fünfzehn. Es ist verständlich, dass sich der Teenager nicht mit jedem schulischen Thema, an ihre Eltern wenden möchte.

„Anfangs ging es nur um Nachhilfe, erst mit der Zeit ist es persönlicher geworden. Heute unterhalten wir uns auch mal über Dinge wie Facebook oder reden darüber, wie das Leben nach Schule und Studium weitergehen könnte.“

Als junge Erwachsene fungiert sie als Ansprechpartnerin in fast allen Lebensdingen. Da die Schülerin sehr ehrgeizig und wissbegierig sei, gingen die Gespräche oftmals über die fachlichen Inhalte des Unterrichts hinaus. Auch weil Jessica etwas Arabisch kann und im BA „Islamwissenschaften“ studierte, kann sie sich mit ihrem Patenkind über die arabische Kultur und Sprache austauschen. „Die im Studium erlernten Dinge finden bei der Betreuung von Zahra endlich auch praktische Anwendung. Dadurch dass ich etwas Arabisch kann, habe ich Verständnis dafür, dass es so manche Sprachprobleme geben kann. Deutsch zu lernen ist genauso schwierig, wie es für mich und andere ist, Arabisch zu lernen. Dabei sprach Zahra von Anfang an sehr gut deutsch. Wenn wir uns über religiöse Bräuche unterhalten, freut Zahra sich richtig, dass ich die eine oder andere islamische Tradition bereits kenne“, meint Jessica.

Alltagsrassismus in Erfurt

Ein- bis zweimal die Woche treffen sich die beiden zur Nachhilfe. Hier erfährt Jessica dann auch von den weniger schönen Ereignissen, die Zahra mit ihren Angehörigen im Erfurter Alltag erlebt. Rassistische Bemerkungen wie „Scheiß Ausländer“, mitten in der Straßenbahn, solche Verbalattacken passieren der Familie öfters. Das Kopftuch der Mutter reiche schon aus, es biete dann scheinbar eine „Angriffsfläche“ für extreme Beschimpfungen. Alltagsrassistische Momente wie im Bilderbuch. Wenn Jessica von solchen Vorfällen erzählt bekommt, wisse sie oft nicht, wie sie reagieren solle. Sie sei immer wieder geschockt, aber auch in Sorge um Zahra, sollte sie mal wieder alleine mit der Bahn unterwegs sein. Jessica versuche es mit Relativierungen: „Ich sag dann, dass so natürlich nicht alle denken. Und wenn es zum Beispiel um blöde Sprüche auf dem Schulhof geht, sage ich, die anderen Kinder würden es nur von ihren Eltern oder aus den Medien nachplappern“, erläutert die Studentin diese eher schwierigen Gespräche.

Feingefühl brauche man allemal, um Kinder und Jugendliche, die bereits traumatische Erfahrungen wie eine Flucht durchlebten, unterrichten zu können. Zahra konnte in ihrer alten Heimat nicht durchgängig die Schule besuchen. Jessica denkt, hier in Deutschland hätten die Schwierigkeiten beim Lernen nichts mit dem Inhalt zu tun. Bei Deutsch und Englisch spielen vielmehr Hemmungen und Blockaden eine gewichtige Rolle. Manche Lehrer würden Schüler mit Migrationshintergrund überfordern. Statt Beistand gäben sie überwiegend Kritik von sich. Beim Erlernen von Fremdsprachen sei das besonders kontraproduktiv. Erst Jessica konnte Zahra dazu motivieren, sich das Englischsprechen zu zutrauen, es einfach immer wieder auszuprobieren. Aus der Sechs wurde so eine Zwei auf dem Zeugnis. Englisch sei mittlerweile Zahras absolutes Lieblingsfach.

Traurig stimmt es Jessica, als sie darüber nachdenkt, dass ihre Nachhilfeschülerin schon bald in eine andere Stadt umzieht und ihre Patenschaft für Zahra damit endet. Viel tragischer als das gegenseitige Abschiednehmen, sei allerdings, dass die fünfzehnjährige Afghanin aufgrund des bevorstehenden Umzuges, Ängste von damals erneut durchmacht. Einst musste Zahra per Bus, zu Fuß und auch mit dem Boot ihre Heimat hinter sich lassen, den Großeltern und vielen Freunden zu Hause Lebewohl sagen.

Erst langsam verarbeitet die junge Zahra das Geschehene. Erinnerungen aus Afghanistan kämen jetzt hoch, von denen sie auch Jessica erzählt. Außerdem schrieb sie ihre Erfahrung der Flucht auf. Ein kurzer Text offenbart ihre unvorstellbare Angst, ihren Schock, ihre Trauer, ihr Gefühl, wie es damals wirklich war als Zehnjährige das Land für immer zu verlassen: „Angst vor der Zukunft. Wie wird mein Leben in Deutschland? Ob ich meine Großeltern wiedersehen kann? Ich hatte viele Fragen im Kopf. Ich wusste nichts. (…) Ich dachte, wenn wir jetzt nach Deutschland fahren, dann sehe ich meine Großeltern nach 30 oder 40 Jahren oder niemals im Leben (…)“. Das Erlebte zu schildern, fremden Menschen davon zu berichten, das bedarf Vertrauen sowie einen einfühlsamen Zuhörer. Jessica und Zahra reden auch nicht allzu oft über dieses Traumata. Dennoch sei es der Studentin wichtig, dass Mädchen und Jungen wie Zahra Fürsorge und Unterstützung betreffend der Aufarbeitung in erhalten.

Jessica bewundert ihr Patenkind. Sie habe eine ganz besondere Sicht auf die Dinge, ist scharfsinnig und optimistisch zugleich. Ihre positive Einstellung zum Leben vor dem Hintergrund der Flucht, ihre Wissbegierde und Intelligenz, sowie den Fleiß und Ehrgeiz den Zahra an den Tag legt, befähigen die junge Akademikerin, viele alltägliche Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen. Die Tätigkeit als Patin ist eine geistige Bereicherung für das eigene Leben. Grund genug, ehrenamtlich aktiv zu werden.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*