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Willi Münzenberg – Erfurts vergessener Sohn

Willi Münzenberg war einer der schillerndsten und populärsten linken Politiker der Weimarer Republik. Er gründete das damals zweitgrößte deutsche Medienunternehmen und erlangte durch die »Internationale Arbeiterhilfe« Weltbekanntheit. Er war enger Vertrauter von Lenin und wurde gehasst von Hitler und Stalin. Sein Ende war tragisch. Vor 75 Jahren fand man ihn erhängt in einem Waldstück in Südfrankreich. In seiner Geburtsstadt Erfurt erinnert bis heute nur wenig an ihn. hEFt sprach mit dem Historiker Dr. Steffen Raßloff über Münzenbergs Leben und seine herausragende Bedeutung nicht nur für die deutsche Arbeiterbewegung

 

Willi Münzenberg wurde 1889 in Erfurt geboren. In welchen Verhältnissen wuchs er auf und wie verliefen seine ersten Jahre?

Er ist in kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen und hatte eine schwierige Kindheit. Sein Vater besaß eine Bäckerei in der Augustinerstraße – dort, wo sich heute am Nachfolgebau auch die Gedenktafel für das Geburtshaus befindet. Der Vater war ein schwieriger Mensch, er hat seine Kinder und die Frau regelmäßig verprügelt und schikaniert. Nach dem Tod der Mutter ist die Familie 1895 nach Friemar bei Gotha gezogen, wo der Vater eine Gastwirtschaft betrieb.

Willi Münzenberg genoss keine gute Schulbildung. Die Volksschulbildung war ja damals weitgehend auf das Auswendiglernen von Bibelsprüchen beschränkt. Darunter hat er zeitlebens sehr gelitten. Mit Orthografie und Grammatik stand er auf Kriegsfuß. 1903 begann er eine Lehre als Friseur. Auch da wurde er geschlagen und er musste sieben Tage in der Woche arbeiten. Als sich der Vater im Suff erschossen hatte, brach Willi die Lehre ab und ging zurück nach Erfurt. Hier arbeitete er als ungelernter Arbeiter, als »Leistenjunge«, in der Schuhfabrik Lingel, dem damals zweitgrößten Schuhunternehmen in Deutschland. Er lebte, wie er es selbst beschrieb, in einem »Dämmerzustand«: früh im Dunkeln auf Arbeit, abends müde im Dunkeln nach Hause. Münzenberg durchlief also eine typische Proletarierkindheit und -jugend, ohne jede Bildung und Klassenbewusstsein. Bis er 1906, mit 17 Jahren, sein Erweckungserlebnis hatte.

 

Was war passiert?

Er kam auf Vermittlung eines Kollegen in den sozialdemokratischen Arbeiterbildungsverein »Propaganda«. Und schon allein mit dem Vereinsnamen schien seine künftige Karriere vorgegeben. Er wurde, wie er selbst in seiner Autobiografie schrieb, glühender Marxist und Vertreter der sozialistischen Arbeiterbewegung. Er verschlang alle Klassiker – Engels, Kautsky, Bebel, aber auch Herwegh und Heine, den typischen linken Lesekanon dieser Zeit. Damit begann seine Politisierung. Man traf sich regelmäßig im Gasthof »Forelle« in der Grafengasse zu Diskussionsveranstaltungen, verteilte illegal Handzettel und verbotene Zeitungen. Gemeinsam wanderte man zum Riechheimer Berg, nach Weimar oder auf die Drei Gleichen. Es war ein völlig neues Umfeld. Er bekam zwar nicht mehr Lohn, arbeitete genauso hart wie vorher, aber das Leben war reicher geworden.

Er machte dann innerhalb der Arbeiterbewegung schnell eine steile Karriere. Schon 1907 trat er an die Spitze des Vereins »Propaganda«. 1910 wurde er wegen seines politischen Engagements in der Schuhfabrik Lingel entlassen. Er verließ Erfurt und ging auf Wanderschaft in die Schweiz, lebte einige Jahre in Zürich und schloss sich auch dort der Arbeiterbewegung an. Hier gibt es auch die ersten Fotos, wie er sich als Jungfunktionär für die Rechte von Lehrlingen einsetzt. 1917 bereitete er als enger Vertrauter Lenins dessen berühmte Zugreise nach Russland mit vor. Im selben Jahr wurde er erstmals wegen seiner linken Aktivitäten verhaftet und schrieb im Gefängnis seine ersten biografischen Notizen. Nach dem Krieg, zurück in Deutschland, trat er 1919 sofort der KPD bei, wurde schnell führender Funktionär und 1924 Reichstagsabgeordneter, später auch Mitglied des Zentralkomitees der KPD.

 

Neben der Politik war er aber auch Publizist und Medienunternehmer.

Ja, er wurde zum »Roten Propagandazaren«, wie ihn der Historiker Sean McMeekin später betitelte. Er baute den zweitgrößten Medienkonzern der Weimarer Republik, neben dem von Alfred Hugenberg, auf. Mit Buchverlagen und mehreren Zeitungen, wie der »Arbeiter Illustrierte Zeitung«, erreichte er Millionenauflagen. Mit seinem Filmunternehmen führte er erstmals Eisensteins »Panzerkreuzer Potemkin« in Deutschland auf und produzierte proletarische Filme, wie »Kuhle Wampe«. Er war damit seiner Zeit weit voraus und vermittelte Themen aus der Arbeiterbewegung nicht mit der Holzhammerpropaganda der KPD. Er schaffte es, die linke Propaganda so zu verpacken, dass sie in große Teile der Arbeiterschaft, aber auch bis ins Kleinbürgertum hinein strahlte. Das war sein großer Verdienst. Und er war, das muss man sich immer wieder deutlich machen, einer der größten und populärsten Politiker seiner Zeit. Als Gründer und Leiter der »Internationalen Arbeiterhilfe«, die Sozialleistungen für Arbeiter bereitstellte und mehrere Filmproduktionsgesellschaften unterhielt, erlangte er Weltruhm.

 

Was denken Sie, wie kam er zu dieser immensen Tatkraft?

Er beschreibt das zum Teil selbst, man kann es aber auch in der Biografie seiner Lebensgefährtin Babette Groß nachlesen. Münzenberg war ein unheimlich tatkräftiger, dynamischer Typ, der schon sehr früh auf sich allein gestellt war. Als Zehnjähriger etwa musste er schon die besagte Kneipe in Friemar allein leiten, wenn sein Vater mal wieder zu tief ins Glas geschaut hatte. Mit 14 Jahren organisierte er ganze Feiern in der Schule. Und gerade seine Defizite haben ihn immer wieder angestachelt, sich innerhalb der Arbeiterbewegung weiterzubilden. Dazu kommt, dass er ein ausgezeichnetes Gespür für die Zeichen der Zeit hatte. So hat er schon früh die Bedeutung des Films erkannt. Sein Buch »Propaganda als Waffe« von 1937 galt weit über die Arbeiterbewegung hinaus als Klassiker, weil er darin gezeigt hat, dass Propaganda alle Medien einbeziehen muss. Angefangen von der Zeitung, wo man täglich die Menschen in ihren Haltungen bestärkt, über Bücher, die langfristig wirken, bis hin zu bewegten Bildern im damals noch jungen Medium Film.

Gleichzeitig beschreiben ihn Zeitgenossen auch als einen unheimlich sympathischen Typ. Die Wucht des Propagandisten, der er ja zweifellos war, wurde durch seine freundliche Art und seinen weichen thüringischen Dialekt gemildert. Er konnte auf Leute zugehen und sie überzeugen.

 

1933 floh er aus Deutschland und ging ins Exil nach Paris, um von dort aus den Widerstand gegen Hitler zu organisieren. Welche Stellung hatte er dort?

Eine sehr wichtige. Er publizierte weiter, unter anderem das berühmte »Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror«. Gleichzeitig begann hier der Prozess, der ihn von der offiziellen KPD-Linie wegführte. Diese besagte, dass eine Zusammenarbeit mit der SPD nicht gewünscht war. Münzenberg hingegen war der Überzeugung, dass es nun notwendig war, alle, die Widerstand leisten können, zusammenzubringen und eine Einheitsfront aus KPD und SPD zu gründen. Dafür wurde er von der KPD und von Moskau zurechtgewiesen. Und so wuchs nach und nach die Kluft zwischen ihm und der Kommunistischen Partei.

 

1939 kam es zum endgültigen Bruch mit Stalin und zum Parteiausschluss. Welche Gründe führten schließlich dazu?

Münzenberg hatte von Anfang an eine enge Verbindung zur Sowjetunion, die ihn stark geprägt hat. Aber er konnte die Entwicklung der KPdSU von Lenin zu Stalin später nicht mehr mittragen, obwohl er ja weiterhin KPD-Mitglied war. Insbesondere die »großen Säuberungen«, die 1936, 1937 auf dem Höhepunkt waren und bei denen tausende »unzuverlässige« und oppositionelle Personen von Stalins Regime getötet oder verschleppt wurden, führten zum endgültigen Bruch. Münzenberg wurde aus der Partei ausgeschlossen und verfemt und das hat sich dann nach 1945 in der DDR-Geschichtsschreibung nahtlos fortgesetzt, indem man ihn gezielt totgeschwiegen hat. Das war für die Entwicklung der Arbeiterbewegung eine Katastrophe, allein wenn man sieht, was für holzschnittartige Funktionäre vom Schlage eines Walter Ulbricht nach 1945 dann das Klima geprägt haben. So einen Typ wie Willi Münzenberg hätte man da brauchen können.

 

Die Umstände seines Todes 1940 sind bis heute ungeklärt. Sehr wahrscheinlich ist ein Auftragsmord durch Stalin. Was denken Sie?

Als Historiker spekuliert man gerne, aber es gibt in dem Fall keine ausreichenden Indizien. Es kann genauso sein, dass ihn die Gestapo umgebracht hat. Er wurde ja von beiden Seiten gesucht. Wer letztendlich schneller war, wird wohl Spekulation bleiben.

 

In der DDR wurde Münzenberg totgeschwiegen. Erst 1989 begann man, an ihn zu erinnern. 1999 folgte dann auch die Gedenktafel an der Stelle seines Geburtshauses. Trotz seiner herausragenden historischen Bedeutung erinnert in Erfurt bis heute wenig an ihn. Keine Straße trägt seinen Namen, nicht einmal auf der städtischen Webseite ist er aufgeführt. Wo sehen Sie Gründe für diese Missachtung?

Willi Münzenberg taucht in den Standardwerken zur DDR-Geschichte ausdrücklich nicht auf. Auch in der »Geschichte der Stadt Erfurt« von 1986, wo jeder kommunistische Widerstandskämpfer, der irgendwo mal eine Zeitung ausgetragen hat, aufgeführt ist, wird Münzenberg wider besseren Wissens nicht erwähnt. Er war Persona non grata. Das war Parteilinie und die DDR-Geschichtsschreibung war daran gebunden. Im biografischen Lexikon der Akademie der Wissenschaften taucht er hingegen auf – jedoch mit einem verheerenden Artikel. Er wird hier als Antikommunist und Feind der Sowjetunion geächtet. Die wahren Hintergründe jedoch werden nicht erwähnt. Im Sommer 1989, anlässlich seines 100. Geburtstages, gab es im »Neuen Deutschland« zwei Artikel, die zumindest versucht haben, seine Leistungen anzuerkennen. Aber eine Rehabilitierung gab es definitiv bis zum Ende der DDR nicht. Und auch nach 1989 haben sich nur vereinzelt Historiker mit ihm beschäftigt. Insofern war das Anbringen der Gedenktafel an der Stelle seines Geburtshauses in Erfurt 1999 schon ein wichtiger Schritt, diesen Mann und sein Leben ins öffentliche Bewusstsein zurückzubringen.

 

Was sollte getan werden, um Münzenberg zukünftig in Erfurt angemessen zu würdigen?

Es ist schon mal gut, dass vor zwei Jahren auf Initiative mehrerer Personen – unter anderem des Freundeskreises Willi Münzenberg – die Gedenktafel für sein Geburtshaus nach der Sanierung des Nachfolgebaus wieder angebracht wurde. Man kann nur immer wieder auf ihn aufmerksam machen, über Diskussionsrunden oder Filmvorführungen, wie es ja gerade mit den Veranstaltungen im Kunsthaus passiert. Man muss zeigen, was er für eine große Nummer zu seiner Zeit war. Vielleicht sollte sich die hiesige Linke auch noch bewusster werden, dass sie hier in Erfurt eine interessante und wichtige Person hat, an die sich anknüpfen lässt. Auch Rosa Luxemburg ist ja gerade deshalb für die Linke so interessant, weil sie nicht immer die Parteilinie mitgetragen hat.

Vom Eintritt in den Verein »Propaganda« bis zu seinem bis heute viel gelesenen Klassiker »Propaganda als Waffe« zeichnet sich eine Linie, wie aus dem kleinen Erfurter Jungarbeiter später der größte Propagandist der KPD wird. Das ist spannend zu sehen und es ist auch wichtig zu wissen, dass eine Karriere, die heute weitestgehend vergessen ist, hier in Erfurt begonnen hat.

 

Interview: Thomas Putz

 

Foto:

  • Gedenktafel Geburtshaus, Untertitel: »Seit 1999 erinnert eine Gedenktafel an Willi Münzenberg an der Stelle seines Geburtshauses in der Augustinerstraße/Ecke Am Hügel«, Foto: hEFt

 

 

Weiterführende Literatur:

  • Dr. Steffen Raßloff: Willi Münzenberg und Erfurt. Die Anfänge des »roten Progaganda-Zaren«, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde von Erfurt, Heft 70, Jena 2009, S. 86–98
  • Tania Schlie/Simone Roche: Willi Münzenberg (1889–1940). Ein deutscher Kommunist im Spannungsfeld zwischen Stalinismus und Antifaschismus, Frankfurt/M., Berlin 1995
  • Babette Gross: Willi Münzenberg. Eine politische Biographie, Stuttgart 1967
  • Das Münzenberg-Forum (www.muenzenbergforum.de) widmet sich der historischen Aufarbeitung der Lebensleistung von Willi Münzenberg; hier kann auch eine detaillierte Chronik abgerufen werden

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