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Wir haben ein Luxus-Problem

Die Graffiti von Luxus sind überall in der Stadt zu finden. Mal sind es Tags, dann wieder aufwendige Pieces oder auch schnelle Throw-Ups. Mal sind sie unsauber und kraklig, dann wieder kunstvoll und aufwendig. Häufig sind ihnen kleine Statements beigefügt: „Luxus für alle“ steht dann da an der Fassade der Deutschen Bank. Oder auch „Wir kotzen vor Luxus“. Local Times sprach mit Luxus über Graffiti in Erfurt.

LTE: Wann und warum hast du angefangen Graffiti zu malen?

Das war einige Zeit nach der Räumung des Besetzten Hauses. Damit hatte ich mich damals politisiert. Ich war frustriert und habe nach Wegen gesucht, das auszudrücken. Irgendwann, so 2011 schätze ich, habe ich festgestellt, dass die Dose da ein ganz gutes Medium ist, mit dem man auch viele Leute erreichen kann. Mit Freunden haben wir damals eine Crew gegründet und ich habe angefangen den Namen zu malen.

Luxus Problem“ oder „Wir kotzen vor Luxus“ heißt es in deinen Graffiti. Das sind also immer politische Statements?

Ja durchaus. Ich empfinde überhaupt die Verfolgung von Graffiti als riesiges Luxus-Problem. In dieser Wohlstandsgesellschaft haben die meisten Menschen gar keine richtigen Probleme mehr und steigern sich dann in solche Sachen wie Graffiti rein.

Graffiti wird in unserer Gesellschaft in erster Linie als Sachbeschädigung verstanden. Der künstlerische Aspekt fällt häufig unter den Tisch. Was ist es denn für dich?

Am Anfang war es ehrlich gesagt genau das. Es ging darum etwas kaputt zu machen. Ich habe auch nie groß geübt, um dann etwas Schönes zu malen. Aber inzwischen ist daraus für mich so etwas wie Kunst geworden. Mit meinen eigenwilligen, doch stets steigenden Skills, kam dann irgendwann auch eine Ästhetik dazu. Aber in erster Linie bleibt es für mich ein politischer Akt der Zerstörung.

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Seit 2011 ist nun schon einig Zeit ins Land gegangen, warum machst du weiter?

Die Probleme, die mich damals dazu beflügelt haben damit anzufangen, sind immer noch da und Graffiti ist ein guter Weg damit umzugehen, ohne dass ich jemanden weh tue. Aber ich gebe auch zu: der Kick, den man dabei empfindet, macht süchtig.

Sprechen wir mal über Erfurt. Im Vergleich zu anderen Städten wirkt Erfurt verhältnismäßig sauber, oder?

Ja das stimmt. Es ist viel zu sauber und hat schon fast die Optik von einem Krankenhaus. Man kann nach Erfurt fahren, um hier einzukaufen, aber man kann hier nicht leben. Ich habe ehrlich gesagt noch nie den Reiz verstanden, eine weiße Wand anzuschauen. Dem möchte ich entgegenwirken und das ist auch in der Szene nicht immer sonderlich beliebt. Denn ich hatte nie den Anspruch saubere Graffiti zu malen, es ging immer darum Schmutz dahin zu bringen, wo er nicht willkommen ist.

Wie hast du denn die Szene in Erfurt erlebt?

Es ist eine alt gewordene Szene. Viele von den Oldschool-Leuten machen nur noch wenig oder haben ganz aufgehört. Viele leben auch einfach nur noch den Lifestyle eines Graffiti-Sprühers, ohne aber all zu viel zu machen.

Du hast damals in einer Crew angefangen zu sprühen. Macht das einen besonderen Kick aus, gemeinsam loszuziehen?

Allein ist es immer schwierig. Das hat viel mit Selbstüberwindung zu tun, weil man nervös und vorsichtig ist. Aber dieses Gemeinschaftsding ist schon etwas Besonderes. Wenn man unter diesem gelben Laternenlicht durch die Straßen läuft und sich vorkommt, wie in einem Graffiti-Film. Man schaut nach links und da malt gerade jemand, man guckt nach rechts und auch da ist jemand am malen und hinter dir, weißt du ganz genau, dass da gerade jemand scoutet und guckt ob Leute kommen. Ich hab viel mit Peng, Crave und Zone gemacht. Das sind Leute denen ich blind vertraue. Und das macht es auch besonders.

Erkläre doch mal was das für ein Gefühl ist eine Wand zu bemalen.

Ich finde bevor man das erste Tag oder das erste Bild angefangen hat, dann ist da immer eine wahnsinnige Anspannung. Und wenn man’s dann macht, dann ist das Zischen der Dose immer viel zu laut und man weiß nicht, hat da grade ein Fenster geknallt, ist da doch einer gewesen? Und gleichzeitig könnte man sich total darin verlieren. Wenn man dann erst mal sieht, wie sich so ein Bild unter den eigenen Händen entwickelt, das hat schon einen gewissen Sog. Das kann man nur schwer nachempfinden, wenn man es nicht mal selbst gemacht hat.

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Hast du Erfahrungen mit der Polizei in Erfurt gemacht?

Also die Polizeipräsenz ist in Erfurt unverhältnismäßig. Es ist Wahnsinn wie viel Polizisten unterwegs sind. Man sieht sie eigentlich jede Nacht, aber man entwickelt dann natürlich Strategien, um ihnen aus dem Weg zu gehen.

Also haben sie dich noch nicht dran bekommen?

Dran bekommen nicht, aber ich war natürlich schon auf der Wache. Guter Bulle, böser Bulle habe ich alles schon gehabt. Ich hab’s auch gehabt, dass die mich beleidigt haben, weil ich nicht reden wollte. Ich hatte es auch schon, dass eine junge, attraktive Polizistin vorgeschickt wurde und dann gefragt hat ‚ach was macht ihr denn hier?‘ und ‚ihr Armen!‘ und so. Also das ganze Programm. Die haben wirklich alles versucht. Das Wichtigste ist: den Mund halten.

Was hältst du von der Marion Walsmann und der CDU, die die Theorie vertreten, dass Graffiti Angsträumen schaffen würde?

Wir haben da sehr drüber gelacht. Graffiti tut niemanden etwas und auch die Theorie, dass durch Graffiti Kriminalität oder Problemzonen entstehen würden, ist falsch. Es ist eher umgekehrt. Wenn ich irgendwo Graffiti male, werden die Menschen ringsherum nicht unzufriedener und gewalttätig. Nein Menschen, die in Problemzonen leben, benutzen Graffiti als Ventil.

Graffiti ist also der Ausweg aus den Angsträumen?

Ja genau.

Danke für das Interview.

 

Besonderen Dank auch an die Kollektive Offensive, die uns ihr Bildmaterial bereitgestellt hat.

2 Kommentare zu “Wir haben ein Luxus-Problem

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