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Wir nehmen Abschied Kulturprotest

Im Abschied liegt die Geburt der Erinnerung, heißt es oft auf Beileidskarten. Am Mittwoch den 25. Mai nehmen die Erfurter Kulturschaffenden Abschied im großen Stil. Mit einem symbolischen Trauerzug durch die Innenstadt tragen sie die Kultur unserer Stadt zu Grabe. Vor dem Rathaus sind Trauerreden geplant, mit denen die gegenwärtige Bedeutung der Kultur in Erinnerung gerufen werden soll.

„In Liebe und Dankbarkeit nehmen wir, nach langer Krankheit, Abschied von Königin Kultur. Die Trauerfeier findet am 25. Mai 2016 um 16 Uhr auf dem Fischmarkt Erfurt statt.“ So oder so ähnlich könnte es in den Traueranzeigen der Tageszeitungen stehen. Unter dem Titel „Ein Trauermarsch in E-Moll“ treffen sich am Mittwoch unzählige Kulturschaffende und Kultursympathisanten vor dem Erfurter Rathaus. Nach einer Trauerrede führt der Umzug über den Anger, den alten Angerbrunnen und den Domplatz wieder zurück zum Fischmarkt. Die Erfurter Kulturrauminitiative, die diesen feierlichen Abschied organisiert, bittet alle Trauergäste in schwarzer, angemessener Kleidung zu erscheinen.

Die Dürre droht

„Wir wollten gerade keine bunte vielfältige Demo machen, bei der die Leute dann denken ‚was haben die denn, die Kultur funktioniert doch’“, erklärt Karina Halbauer von der Kulturrauminitiative, die seit 2014 viele Erfurter Kulturschaffende vereint und ihnen eine politische Stimme verleiht. Das Konzept des Trauerzuges wählten sie bewusst. Es gehe schließlich darum, die Menschen wach zu rütteln. Dabei spielen auch Ort und Zeit eine entscheidende Rolle, denn am Mittwoch trifft sich der Stadtrat zu seiner monatlichen Sitzung im Rathaus, um einen längst überfälligen Beschluss zu treffen.

„Vielen Erfurtern ist gar nicht bewusst, dass es für 2016 immer noch keinen beschlossenen Haushalt gibt“, sagt Rene Kolditz, der sich ebenfalls in der Kulturrauminitiative engagiert. „Das lähmt die kulturelle Arbeit und hat Konsequenzen für viele Kinder- und Jugendeinrichtungen in unserer Stadt.“ Tatsächlich bedeutet der fehlende Haushaltsbeschluss, dass derzeit nur zwingend notwendige Ausgaben getätigt werden können. Freiwillige Leistungen der Stadt, wie die Kulturfördermittel, auf die viele gemeinnützige Vereine und ehrenamtliche Initiativen angewiesen sind, entfallen oder werden massiv beschnitten. Die finanzielle Dürre droht vielen Akteuren der ohnehin dehydrierten Kulturszene zum Verhängnis zu werden.

Wertschätzung für Kulturarbeitende

Neben dem nicht beschlossenen Haushalt, ist auch die Streichung des kulturellen Jahresthemas, das den Wegfall von zahlreichen Veranstaltungen zur Folge hat, ein großes Problem. Hinzu kommt, dass sich die Stadtverwaltung auf die vielen Ehrenamtlichen verlässt und die Gefahr völlig verkennt. Gegenüber der TA sprach Kulturdezernentin Tamara Thierbach im April noch davon, dass es „einen kulturellen Notstand“ nicht geben werde. Rene Kolditz sieht das anders: „Die Stadtverwaltung beruft sich ja immer darauf, dass es so gut funktioniert mit der Kultur in Erfurt und legt trotzdem Leuten, die es selbst schaffen wollen, verwaltungstechnische Steine in den Weg.“ Vor allem die Soziokultur sei dadurch in Gefahr, meint Karina Halbauer: „Gerade die Leute, die das zum ersten Mal machen oder generell unkonventionell arbeiten, können das dann nur sehr schwer bewältigen.“

Kultur ist kein Hobby und Ehrenämter sind kein Zeitvertreib. Um diesen Punkt auch sprachlich klar zu machen, fordert die Kulturrauminitiative den Begriff der „Kulturschaffenden“ durch „Kulturarbeitende“ zu ersetzen. „Es geht in erster Linie darum, der Soziokultur Wertschätzung entgegen zu bringen, für das, was all diese Akteure leisten. Das wollen wir aufzeigen und sichtbar machen“, erklärt René. Denn nicht nur für die Verwaltung, sondern auch für die Bürger sei das vielfältige Kulturangebot in Erfurt eine Selbstverständlichkeit.

Das Hauptziel der Trauermarsches soll deshalb auch die Zusammenkunft und das Zusammenwirken von Kulturarbeitenden und Konsumenten sein. Es geht darum gemeinsam die Missstände aufzuzeigen und die Hauptforderung eines längst überfälligen Haushaltsbeschlusses am Ort des Geschehens deutlich zu machen. Alle Bürger und Bürgerinnen sind eingeladen, sich am Mittwoch um 16 Uhr auf dem Fischmakrt einzufinden und sich an der Kulturdemonstration mit Trauerflor zu beteiligen. Und auch wenn um Trauerbekleidung gebeten wird, farbige Accessoires in Form von Schildern und Bannern sind ausdrücklich erwünscht.

Kondolenzschreiben richten Sie bitte an:

Dezernat 05
Frau Tamara Thierbach
Fischmarkt 1
99084 Erfurt

Text: Juliane Kehr Foto: CC-0
23.05.2016

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