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Die DDR feiert ihren 66. Geburtstag und Local Times ist es gelungen, sich ins sozialistische Internetz einzuhacken. Von den westlichen Servern ist diese Internet-Blaupause der DDR komplett abgeschirmt und für den normalen User unzugänglich. Deswegen handelt es sich bei den Blog-Einträgen, die wir euch hier leaken, um exklusives Material, das einen tiefen Einblick in das Land hinter dem Eisernen Vorhang gibt. Scheinbar regt sich Widerstand in der Bevölkerung. Die folgenden Auszüge stammen von der ersten offiziellen Bloggerin der DDR: Franziska Katjuscha Wilhelm.

 

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DDR-Bloggerin Franziska Wilhelm

Herzlich Willkommen im Jahr 2015, dem Jahr, in dem die DDR ganz groß ihren 66. Geburtstag feiert. Gut, ganz groß vielleicht nicht. Nachdem der Volksaufstand von ’89 von sowjetischen Panzern gestoppt wurde, gab es eine nicht unwesentliche Fluchtwelle. Von 16 Millionen DDR-Bürgern sind heute noch drei Millionen übrig geblieben. Jetzt versucht der Staat, sich zu modernisieren und dabei stärker auf die Wünsche der verbliebenen Arbeiter und Bauern einzugehen. Zum Beispiel durch die sozialistischen Netzwerke. Mein Name ist Franziska Katjuscha Wilhelm. Ich habe zwei Kinder und bin die erste offizielle DDR-Bloggerin. Mein Ziel ist es, Optimismus zu verbreiten und meine Domain heißt:

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11. August 2015
Liebes Internetz-Tagebuch,

dies ist ein neuer, wahnsinnig erfolgreicher Tag in der Deutschen Demokratischen Republik. Ich habe heute um 4.30 Uhr voller Tatendrang meine Frühschicht im VEB Getränkekombinat Leipzig angetreten, um acht Stunden lang hoch konzentriert die Einspritzeinheit D zu überwachen. „Psss, Psss, Psss“, macht es da im Sekundentakt.

Ich bin wirklich sehr stolz auf unsere Abfüllquote, leider muss ich von dem Geräusch immer pinkeln. Aber ich pinkele jedes Mal voller Optimismus und Zuversicht. Dessen können Sie sich gewiss sein, liebe mitlesenden IT-Offiziere.

Vor einem halben Jahr habe ich mich dem neu gegründeten Arbeitskreis junger Internetz-Nutzer angeschlossen. Vergangene Woche haben wir nun endlich das brandneue 56k-Modem vom VEB Kombinat Mikroelektronik Erfurt geliefert bekommen. Das Einwahlgeräusch ist pure Musik in meiner Ohren. Außerdem erscheint mir die Gehäusegröße von 1,75 m x 1,90 m doch deutlich handlicher als erwartet.

Was mich und den Arbeitskreis natürlich am meisten interessiert, sind die sozialistischen Netzwerke, die man seit einiger Zeit auch bei uns nutzen kann. Da haben wir zum Beispiel den Kurznachrichtendienst „Der kleine Trompeter“. Über den kleinen Trompeter kann man Botschaften versenden, die maximal 142 Zeichen lang sind. Das sind genau zwei Zeichen mehr als beim imperialistischen Anbieter „Twitter“. „Bäm“, sage ich da nur.

Schon etwas länger gibt es das E-Mail-Programm „Der rote Letter“, im Volksmund auch „Mielke-Mail“ genannt wird. Selbst hier zeigt sich, dass die DDR dem Westen weit vorauseilt. Wir DDR-Bürger brauchen nicht erst einen Edward Snowden aus Amerika, der uns sagen muss, dass da wer mitliest. Bei uns steht ein Lächelgesicht für den diensthabenden Stasi-Offizier bereits in der Autosignatur. ☺

Der allerneueste Schrei ist derzeit das Videoportal „MeinDefa.ddr“. Leider braucht unser Analog-Modem immer acht Stunden bis es einen Clip von 30 Sekunden geladen hat. Da ist es meist schneller, selbst nach Berlin zu einem FDJ-Jugendtreffen zu fahren, als sich einen Clip darüber anzusehen.

Obwohl es sich ja ohnehin immer lohnt, unsere schöne sozialistische Hauptstadt zu besuchen. Irgendwo in der Nähe der Mauer soll es doch tatsächlich W-LAN geben …
Robert, ein Freund von mir, hat sich kürzlich aus einem alten Röhrenbildschirm, einer Praktica-Kamera und ein paar Abfallplatinen ein eigenes Smartphone zusammengelötet. Wir versuchen jetzt, einen Laster zu organisieren, um es in die Hauptstadt zu transportieren. Natürlich nur zum Wohle der DDR.

Doswidanja Ost-Alemania! Bis Morgen!
Franziska +++

12. August 2015
Liebes Internetz-Tagebuch,

ich habe mich heute mit meinen Kindern gestritten. Vladimir und Shakira sind jetzt zehn bzw. elf Jahre alt und leider frühpubertär. Ständig nerven sie herum, dass ich ihnen im Intershop Club Mate besorgen soll. Ich habe ihnen kurzerhand das sozialistische Ersatzgetränk mitgebracht, welches wir seit Neuestem bei uns im Betrieb abfüllen. Leider kommt man an Mate-Pflanzen auch über die verbliebenen Bruderstaaten nicht so einfach heran. Deshalb heißt unser Getränk KlubMöhre und ist orange. Die Kinder zeigten sich von der KlubMöhre nicht ganz so begeistert, wie es sich gehört hätte. Aber Jammern bringt ja nichts.

In diesem Sinne: Pust wsiegda, budiet sonce!
Franziska +++

14. August 2015
Liebes Internetz-Tagebuch,

wir von den jungen Internetz-Nutzern haben tatsächlich einen Laster organisiert und Roberts selbstgebasteltes Smartphone darauf geladen, um es nach Berlin zu bringen. Leider haben das Alter des LKW (stolze 45 Jahre) und der realsozialistische Zustand unserer Autobahn einen negativen Überlappungseffekt erzeugt. Nach 20 km und 732 Schlaglöchern mussten mit Achsenbruch aufgeben. Als wir heimgetrampt sind, haben wir einen Typen kennengelernt, der zu einem anderen Leipziger Internetz-Kreis gehört. Mit denen wollen wir uns jetzt mal vernetzen.

Kalinka-Verlinka!
Franziska +++

20. August 2015
Liebes Internetz-Tagebuch,

wir haben uns gestern mit dem anderen Arbeitskreis getroffen. Die reden nicht nur übers Internetz sondern auch viel über die Landschaft. Seit so viele Menschen unsere schöne DDR verlassen haben, hat ja jeder nun mehr Landschaft als genug. Wenn man die verbliebenen drei Millionen DDR-Bürger auf die rund 100.000 Quadratkilometer Fläche rechnet, dann haben immer 27 Leute eine ganze Plattenbausiedlung für sich alleine. Krassikowski, nicht wahr?

Es geht nun darum, neue Nutzungskonzepte für all die Fläche zu finden. Da gibt es zum Beispiel ein paar Leute, die würden gern Wasserbüffel züchten. Im Stadtzentrum von Zittau. Genug Weidefläche wäre inzwischen da. Außerdem kam die Idee auf, Magdeburg komplett zu einem Indianerdorf umzubauen. Und Gera in eine Hobbit-Siedlung. Vielleicht könnte man dadurch mehr Touristen anlocken. Das würde den Bezirken sicher gut tun. Wir fanden unser Treffen auf jeden Fall sehr produktiv.

Gutnachtikovsky, Schabowski!
Franziska +++

06. Oktober 2015
Liebes Internetz-Tagebuch,

Ich habe lange nichts geschrieben und dies wird auch mein letzter offizieller Eintrag sein. Die Arbeit in unserem vereinigten Arbeitskreis ist in den letzten Wochen enorm turbulent gewesen. Die Gruppe, die mit der Wasserbüffel-Farm begonnen hatte, wurde leider von offizieller Stelle gestoppt. Die Idee gefällt dem Staat irgendwie nicht. „Zu viel Anarchie“, sagen die Offiziere. Auch dem Arbeitskreis junger Internetz-Nutzer wurde von höchster Stelle eine Neuorientierung nahegelegt. Wir mussten die Rechentechnik wieder abgeben und haben dafür drei Stricklieseln, eine Modelleisenbahn und vier Vero Construct Baukästen erhalten. Leider die ohne Elektromotor. Aber egal. Wir machen trotzdem weiter.

Anders als ’89 gehen wir aber nicht mehr in Gruppen auf die Straße, wir verteilen uns im Dickicht. Wir sind ein Netzwerk aus vielen kleinen Keimzellen und wir schlagen unsere Sporen nach allen Seiten aus. Wir kämpfen weiter für unsere Wasserbüffel in Zittau und unserer Indianerdorf in Magdeburg. Wir wissen, sie werden kommen. Früher oder später. Denn niemand kann uns aufhalten. Howgh.

PS:
Liebe mitlesende Stasi-IT-Offiziere, was ich schon immer Mal sagen wollte:
Die KlubMöhre schmeckt wirklich zum Kotzen!

 

Text & Foto mit freundlicher Genehmigung der Erfurter Autorin Franziska Wilhelm
Header-Foto: Armin Kung

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