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Zu arm für Facebook Stadtverwaltung auf Facebook

Der Stadtrat stimmte Ende Mai gegen eine dauerhafte Facebook-Präsenz für die Stadtverwaltung Erfurt. Was passiert, wenn Städte online gehen und warum es den Lokaljournalismus verändern könnte.

“Auch von mir ein Herzliches Willkommen, auch den Zuschauern im Netz. Hoffentlich sind Zahlreiche vorhanden”, sagte der stellvertretende Ratsvorsitzende zur Eröffnung der Stadtratssitzung. Vermutlich saßen wenige Zuschauerinnen und Zuschauer gebannt vor ihren Laptops. Nicht nur, weil der Stadtrat eher wenige Bürger neugierig macht, sondern auch weil es nicht in den Sozialen Medien geteilt wird. Politisch interessierte User können das “Plenum TV”  nur nach einigen Klicks in einem verschachtelten Menü auf erfurt.de finden. Eine eigene Facebook-Seite der Stadt Erfurt, die den Livestream an ein breiteres Publikum teilt, existiert nicht.

Glücklicherweise hatte das Parlament am Abend des 26. Mai die Gelegenheit dies zu ändern. Der Sprecher kündigte die Drucksache 0155/16  mit dem Titel “Offizielle Präsenz der Landeshauptstadt Erfurt auf Facebook” an. Dominik Kordon von der CDU trat ans Mikro und warb für den Antrag. In seinen Augen braucht Erfurt eine eigene Facebook-Seite. Nicht nur Großstädte wie Berlin und Leipzig bieten sie mittlerweile an, selbst Weimar und Eisenach seien der Landeshauptstadt bei diesem Service weit voraus. Kurz und knapp hielt Sozialdemokrat Kevin Groß dagegen: “Man kann Facebook auch sehr viel Raum geben oder überhöhen, was man damit alles ausrichten kann.” Groß begründete die Ablehnung seiner Fraktion damit, dass es sinnlos sei, Information auf Facebook zu teilen, wenn man diese auch woanders finden könnte. Stadtrat Daniel Stassny vertrat die Ansicht, dass ein potentieller Shitstorm einen zu hohen personellen Aufwand bedeute und die Seite damit zu teuer werden würde.

Schlussendlich stimmten drei Abgeordnete gegen Facebook, zwei dafür, bei einer Enthaltung. Abgelehnt. Die finanzielle Krise spielte eine wichtige Rolle. Noch immer hat die Stadt keinen Haushalt für das Jahr 2016. Mittlerweile marschieren regelmäßig Bürger vor dem Rathaus auf und beklagen die fehlenden Investitionen in der Stadt. Verständlich, doch eine Facebook-Seite zu betreiben, gilt heutzutage nicht gerade als Spezialwissen, das Unsummen an Personalkosten verschlingen würden. Dominik Kordon von der CDU meinte: “Wir haben bereits eine Öffentlichkeitsarbeit in der Stadtverwaltung. Es braucht keinen Stellenausbau, um eine Facebook-Seite zu bespielen. Dies wäre kein neuer Haushaltsposten.” Für Kevin Groß (SPD) dagegen gibt es aktuell wichtigere Probleme: “Ich wäre schon für eine Facebook-Seite, aber unter den aktuellen Finanzproblemen der Stadt, halte ich es für nicht sinnvoll.”

Ist Facebook relevant? Muss man dies im Jahr 2016 nachweisen? Vermutlich nicht, wir machen es trotzdem. Ende Mai 2016 waren 1,65 Milliarden Menschen angemeldet. Davon loggen sich circa eine Milliarde täglich ein. In Deutschland sind 26 Millionen Menschen unterwegs. Die Followerzahlen von anderen Stadtverwaltungen sprechen für ein Interesse an kommunalpolitischen Informationen im Netz. Der Stadt Eisenach folgen 1677, in Leipzig sind es 11.643. Schwäbisch Gmünd beweist, dass mit einer aktiven Öffentlichkeitsarbeit auch eine Kleinstadt viele Fans haben kann. Dieser Stadtverwaltung folgen 13.678 User.

Konkurrenz für Lokalzeitungen

Wie nutzen andere Städte ihre Facebook-Seiten und welche Vorteile bringen sie? Auffällig ist, dass viele Fließbandmeldungen, die sonst Lokalzeitungen veröffentlichen, von den Stadtverwaltungen selbst an die Bürger gebracht werden. Braucht das Löwenbaby einen neuen Namen? Blockieren Demonstrationen den Verkehr? Droht ein Unwetter? Und was sind die wichtigsten Punkte bei der neuen Müllverordnung? Die Social-Media-Redakteure der Städte bedienen sich ihrem direkten Zugang zum Rathaus. Sie posten auf Facebook die “harten Fakten” des Stadtlebens, die wenig redaktioneller Aufarbeitung bedürfen. Sie stellen damit eine Konkurrenz zu phlegmatischen Lokalzeitungen dar, die ihre Online-Ausgaben mit abgetippten Pressemitteilungen und Blaulichtmeldungen über alkoholisierte Fahrradfahrer fluten. Wenn Lokalzeitungen nur als Veröffentlichungsplattform für solche Meldungen taugen, machen ihnen die sozialen Medien ernsthafte Konkurrenz. Journalisten sind unersetzbar, Meldungsabtipper schon.

Ein gut bespielter städtischer Facebook-Account ist in der Lage die Digitalausgaben der Lokalzeitungen unter Druck zu setzen, denn sie konkurrieren um ähnlichen Content. Die Veränderung würde die großen Verlage zwingen, ihr Online-Publikum ernster zu nehmen. Mehr Artikel statt Meldungen, bessere Nutzung von Social-Media und eine Rückbesinnung auf journalistische Tugenden bei lokalen Themen.

Von Leipzig lernen, heißt siegen lernen

Es bleibt die Frage, was ein Facebook-Account den Bürgern bringen würde. Nehmen wir das Beispiel Leipzig. Die Stadt postet auf ihrer Facebookseite regelmäßig Links aus der News-Sektion von Leipzig.de. Die Internetseite erreicht auf diese Weise deutlich mehr Nutzer. Auch Erfurt.de könnte dies zugutekommen, denn die Homepage ist überladen und nicht gerade überschaubar. Die Seite ist ein Moloch aus mehr als 17.000 Einzelseiten. Auf kleiner Schriftgröße ist bereits die Startseite mit Links und Menüs vollgestopft. Die digitale Bürgerbeteiligung korrumpiert sich selbst durch die mangelnde Benutzerfreundlichkeit.  Auch die Homepage von Leipzig ist gut gefüllt, doch durch den eigenen Facebook-Account setzt man in der Informationsflut Akzente und Prioritäten.

Volker Rasch, von der Stadtverwaltung Leipzig, nannte gegenüber Local Times einige Vorteile, die eine Online-Präsenz mit sich bringt. Bürgerinnen und Bürger können über die Kommentarfunktion auf Facebook, ähnlich wie bei einer Hotline, Informationen erfragen und bekommen eine schnelle Auskunft eines angestellten Social-Media Redakteurs. Täglich nutzen die Leipziger das unkomplizierte Angebot. Das Referat “Kommunikation” veröffentlicht außerdem aktuelle Themen auf der Seite, die es nicht in Pressemitteilungen oder in das Amtsblatt geschafft haben. Dass es ein Hochwasser-Warnsystem per SMS gibt, zum Beispiel. Auf die Frage, was der Stadt Leipzig grundsätzlich am Wichtigsten sei, bei der Unterhaltung einer dauerhaften Facebook-Präsenz, hieß es:

“Ziel ist es insbesondere, das Image einer modernen, und transparent handelnden, auf Bürgerbeteiligung orientierten Verwaltung den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Leipzig zu vermitteln.”

14.06.2016, Text: Armin Kung.

4 Kommentare zu “Zu arm für Facebook Stadtverwaltung auf Facebook

  1. Der beste Beitrag den ich zurzeit Lokal gelesen habe.
    Auf Twitter unter #Erfurt geteilt 🙂
    Danke für eure tolle Arbeit 🙂

    Ps. dieses „Bleib auf dem Laufenden!“ Popup, könntet ihr bitte etwas diskreter am rechten Rand lassen und welcher sich beim scrollen einfach mit bewegt? Es ist etwas nervig den immer wieder wegklicken zu müssen wenn man gerade am lesen ist 🙂

    1. Danke für deinen Kommentar und das Lob, Petr!
      Wir haben schon ab und zu Kritik wegen des Pop-Ups bekommen. Ich habe es jetzt deaktiviert. Wir werden eine Lösung finden. 🙂

      Gute Nacht!
      Armin.

  2. Danke für den Beitrag. Leider ist es ein Problem in Erfurt in verschiedene Bereiche mit Öffentlichkeitsarbeit. Viele Beiräte (bin persönlich bei so eins und sie sind TOTAL gegen eine FB-Seite) wollen einfach keine Social Media Präsenz weil sie meinen es reicht wenn man die Zeitung liest. Jeder liest aber nicht die lokale Zeitungen, ist aber doch in Erfurt und die Umgebung interessiert. Auf diese Art und Weise sind Infos gebündelt und man erreicht andere Leser (und Altersgruppen).

    Barbara

    1. Ich kann es einfach nicht verstehen.
      Denken die im Beirat, nichts gegen dich, das sich jeder eine Zeitung kauft?
      Bereits aus dem Grund das es Geld kostet, die Umweltbilanz (Erzeugung, Transport, Recycling) Energie verbraucht was völlig unnötig ist.
      Ich benutze fast nur Facebook und Twitter. Dieses antiquierte Verhalten kann ich einfach nicht verstehen.
      Ich bin persönlich alle Landesstädte der Bundesländer durchgegangen, aber nur Erfurt hat keine Präsenz, Potsdam hat sogar ein Xing Profil für Stellenausschreibungen im Stadtbereich.
      Habe bereits einen Wutbrief wegen dem ganzen was die Stadt so anstellt geschrieben, und sobald ich wegziehe, lasse ich den Veröffentlichen^^

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