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Zukkermädchen Die One-Woman-Company

Erfolgreich sein im Internet – heute wollen das viele. Als Franziska Albrecht ihren Blog zukkermaedchen.de vor sieben Jahren ins Leben rief, war sie in ihrem Metier noch allein auf weiter Flur. Erfolgreiche Lifestyle-Blogs gab es damals in den USA, Großbritannien und vielleicht Frankreich. Aber nicht in Deutschland, ganz zu schweigen von Thüringen. Heute ist Franzi die wohl erfolgreichste Bloggerin in Thüringen und hat ihr Hobby zum Beruf gemacht. 

Wer zwischen 1996 und 2005 die Schule besuchte, erinnert sich wahrscheinlich mit Graus an den Deutschunterricht zurück, wenn es hieß: „Zettel raus, Klassenarbeit! Heute geht‘s um die neue Rechtschreibung.“ Manch einer hatte da noch nicht mal die alte Rechtschreibung verstanden und so geriet das Diktat zum Glücksspiel in Sachen Kommasetzung, Schreibweise und Worttrennung. Vor ´96 gab es Eselsbrücken wie „Trenne nie st / denn es tut ihm weh“, die sich ins Hirn gebrannt hatten, mit der Reform aber obsolet wurden. Auch die ck-Regel, wonach sich Zucker zu Zuk-ker trennen ließ, änderte sich und Franzi, alias Zukkermädchen, verstand die Welt nicht mehr:

In der Grundschule war ich immer „die Süße“, die das mit dem ck nicht hinbekommen hat. Ich hab dann einfach angefangen Zucker mit doppel k zu schreiben. Ein Denkfehler in Sachen ck und ein süßes Gesicht haben diesen Namen geprägt… ohje ist das peinlich.

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Inzwischen ist Franzi 30, hat Literaturwissenschaft studiert, eine Ausbildung bei H&M abgeschlossen und lebt, obwohl sie berufsbedingt in Berlin, Paris oder New York zu tun hat, in der verträumten Thüringer Landeshauptstadt. Franziska Albrecht ist Erfurts erfolgreichste Lifestyle-Bloggerin. Vor zwei Jahren machte sie ihr Hobby zum Beruf und schreibt seither täglich über Fashion, Beauty und den alltäglichen Wahnsinn. Was war los auf der letzten Fashion Week? Welcher Lippenstift hat das beste Rot? Wie kriege ich gelockte Haare in wenigen Minuten? Warum versenden Männer Penisbilder an wildfremde Frauen? Huch, steht da wirklich Penis? Ja, Penis. Nach über sieben Jahren schreibt Franzi nämlich immer noch, wie ihr der Mund gewachsen ist und scheut sich nicht auch unliebsame Themen anzusprechen. Normalerweise ist zukkermaedchen.de aber ein Wohlfühl-Blog. Franzi erzählt Geschichten, die sie aufgeschnappt oder selbst erlebt hat, sie gibt Beauty- und Modetipps und plaudert drauf los, wie eine beste Freundin.

Das wichtigste beim Bloggen ist Persönlichkeit. Ich bin halt das nette Mädel von nebenan und das schätzen die Leser. Viele sagen mir, mein Blog liest sich, als würde ich mit ihnen am Kaffeetisch sitzen und aus dem Nähkästenchen plaudern. Und das ist schon alles, was meinen Blog ausmacht, mein ganzes Geheimnis.“

Ein kleines bisschen Understatement schwingt da allerdings schon mit, denn Franzis Blog ist weit mehr, als das Online-Tagebuch eines lieben, netten Mädchens. Nicht umsonst hat zukkermädchen.de durchschnittlich über 30.000 Leser im Monat, fast 60.000 Instagram– und fast 15.000 Facebook-Follower. Täglich postet Franzi Beiträge, hält ihre Social-Media-Seiten auf dem Laufenden, kontaktiert Unternehmen, beantwortet Mails, macht Fotos. Sie dreht Videos und schreibt Konzepte für Geschichten, Kolumnen oder Kampangen. Häufig bereist sie Städte, besucht dort Events, Messen und Shows. Franzi ist Redaktion, Social Media-, Marketing- und Verkaufsabteilung in einem. Sie ist eine One-Woman-Company und sie ist gut darin. Ihre Bilder haben Sinn für Ästhetik, ihre Texte haben Witz, sind abwechslungsreich und schaffen es, einem ahnungslosen Local Times-Redakteur zu erklären, was ein gutes Parfüm ausmacht. Gleichzeitig schreibt sich das Zukkermädchen mit viel Einfühlungsvermögen in die Herzen der Leser und Leserinnen:

Vor einer Weile habe ich über ein Akne-Produkt geschrieben und dabei die Geschichte einer Freundin verarbeitet, die damit Probleme hat. Daraufhin kamen viele persönliche Mails, in denen sich die Leser bedankt haben, dass ich so ein Thema anspreche. Akne im Erwachsenenalter ist eine Sache, wofür sich Frauen schämen, denn wir sollen ja perfekt und sexy sein. Aber so ist es nun mal nicht. Die Werbung ist gephotoshopt und obwohl wir das wissen, vergleichen wir uns mit den Models. Wir wünschen uns dann auch 80 cm lange Beine auf 1,60m und so einen Müll.

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Und auch das ist bemerkenswert: Obwohl Franzi häufig über Mode und schönes Aussehen schreibt und durch Werbeinhalte Geld verdient, reflektieren ihre Texte die Mode-, Beauty- und Werbeindustrie bisweilen kritisch. Die „reale Frau“ beispielsweise, die in diesen Industrien gern als feministische Revolution in Sachen Werbestrategien verkauft wird, ist auf Franzis Blog immer wieder Thema. In dem Beitrag „perfekt unperfekt wieder perfekt“ schreibt sie: „Ich sehe dunkle Haut, Achselhaare, verschlafener Blick, eine Narbe am Bauch. Das sind also die Frauen, die Makel haben und sich endlich zeigen dürfen? … Das ist der Blick der Modeindustrie auf uns? Das mussten wir also die ganze Zeit verstecken? Gott, dann kann ich einpacken.“

Es ist ein schwieriger Spagat für eine Bloggerin, die einerseits ihr Geld mit der Bewerbung von Produkten verdient, sich andererseits aber auch nicht den Mund verbieten lässt. Franzi hat sich deswegen drei wichtige Regeln im Umgang mit Kunden aufgestellt:

  • Ich bin die Bloggerin, ich will frei sein und selbst bestimmen, was im Text steht.
  • Gesponserte Beiträge kennzeichne ich immer
  • Ich empfehle nur Produkte, die ich selbst getestet und von denen ich voll überzeugt bin

Seit zwei Jahren ist sie als Zukkermädchen berufstätig unterwegs und viele werden sie um ihren Job beneiden: Sie geht oft auf Reisen, lernt viele Leute kennen, kann in ihrer Arbeitszeit Modemagazine wälzen, Shoppen gehen und sich die Haare stylen… eigentlich ein Traumjob, der aber auch seine Kehrseiten hat.

Fulltime Bloggen muss man sich gut überlegen. Wenn man die Möglichkeit hat, empfehle ich  halbtags was anderes machen, einfach weil es wichtig ist andere Eindrücke von außen zu bekommen. Außerdem hat man ja erstmal keinen sicheren Job. Familienplanung ist da gar nicht so leicht. Man hat da viel mehr Verantwortung für sein Leben, als in einer Festanstellung.

Selbstständigkeit ist eben kein Zuckerschlecken, selbst wenn man Zukkermädchen heißt.

 

Text: Andreas Kehrer, Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Franziska Albrecht

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